Das Akkordeon weckt musikalische Talente
Über 500 Akkordeonliebhaber trafen sich zum Jahreskonzert in der
Hockenheimer Stadthalle - Von der Polka bis zur Operette
Eigentlich sollte man meinen, das gute alte Schifferklavier
sei ein Instrument von gestern. Weit gefehlt. Es erlebt gerade eine
Renaissance, wie sich auch kürzlich beim Jahreskonzert in der Hockenheimer
Stadthalle zeigte. Nicht nur das Orchester war begeistert, der Funke
sprang auf die Zuhörer über.
Von Johannes Schnurr
Hockenheim. Nicht weniger als 500 Musikliebhaber besuchten das
jüngste Jahreskonzert des Hohner-Akkordeon-Orchester in der
Stadthalle.
95 aktive und etwas über 200 Mitglieder zählt der seit nunmehr 48
Jahren bestehende Verein. War das Akkordeon nach dem Zweiten
Weltkrieg hierzulande fast schon in Vergessenheit geraten, so zeigt
sich derzeit eine klare Trendumkehr. Woran diese Renaissance liegt,
weiß keiner so genau zu sagen, sicher jedoch hat es etwas mit der
immer stärkeren Wahrnehmung der temperamentvollen südamerikanischen
Musik in Europa zu tun.
Und was den Südamerikanern recht ist, das soll den Rennstädtlern
billig sein: "Wir tun, was wir können, um das Akkordeon wieder
bekannter zu machen", so Jürgen Auer, 1. Vorsitzender des
Hohner-Akkordeon-Orchesters. "Wir widmen deshalb vor allem der
Nachwuchsförderung viel Aufmerksamkeit. Der Unterricht für die
Jüngsten erfolgt in kleinen Gruppen, sogar ein Instrument bekommen
sie zum Selbstkostenpreis gestellt. Nicht die Leistung, sondern vor
allem einmal die Freude am Musizieren steht bei uns im Mittelpunkt."
Diese Nachwuchsarbeit zahlt sich mittlerweile aus, wie beim
Jahreskonzert deutlich wurde.
In blütenweißen Hemden und nachtschwarzen Hosen betraten zunächst
die Musiker des 2. Orchesters unter der Leitung von Roland Söhner
die Bühne. Mit dem am Volkstrauertag besonders beliebten "Concerto
D'Amore" des zeitgenössischen Komponisten Jakob de Haan eröffneten
sie das Konzert. Es folgte das Morricone Special Medley des
bekannten Komponisten Ennio Morricone. Hier zeigte sich die ganze
Vielfalt des Akkordeons: Von den leise klagenden Tönen des
Soundtracks "Spiel mir das Lied vom Tod" hin zu den weichen
Harmonien seiner anderen Kompositionen und weiter zu
furios-dissonanten Läufen, war alles zu hören.
Unter stürmischem Applaus - einige Großmütter zeigten sich hier
geradezu unglaublich klatschstark - betrat die
Kiddy-Ausbildungsgruppe die Bühne. Auch wenn die Füße der Kleinsten
kaum bis auf den Boden reichten, so fanden ihre Finger doch gut die
schwarzweißen Tasten. Mit nur ein ganz klein wenig Verstärkung durch
ältere Spieler im Hintergrund, spielten sie das "Hoggema Allerlei",
welches eine gewissen Ähnlichkeit mit "Alle meine Entchen"
gleichwohl nicht gänzlich verleugnen konnte. Als die Standing
Ovations über sie und ihre musikalische Betreuerin Silke Schwab
schließlich wie ein Sturm hereinbrachen, strahlten die kleinen
Gesichter wie Sonnen von einem Ohr zum anderen. Die Liebe zur Bühne
und zum öffentlichen Auftritt dürfte hier bei so manchem Knirps
gelegt worden sein.
Ihnen folgte das Kiddy-Orchester, das seit dem letzten Jahr
zahlenmäßigen Zuwachs verbuchen konnte. Die Neun- bis Zehnjährigen
spielten zwei Lieder, vor allem die Titelmelodie des Kinofilms
"Mission Impossible" kam sehr gut an. So professionell wie die
erwachsenen Orchester präsentierte sich dann das Jugendorchester.
Auch dieses spielte zwei Soundtracks und mit dem Stimmungshit
"Always look on the bright side of life" ging es gutgelaunt in die
Pause.
Mit den Handharmonika-Oldtimern betraten die älteren Semester die
Bühne, im Durchschnitt sind die jung gebliebenen Damen und Herren
sage und schreibe 70 Jahre alt. Doch sie stellten unmittelbar unter
Beweis, dass Alter nicht vor flotter Musik schützt. Insbesondere die
Amboss-Polka spielten sie mit viel Feuer und Hingabe, was ihnen
reichlich Anerkennung einbrachte.
Facettenreich zeigte sich schließlich das Programm des 1.
Orchesters unter der Leitung von Volker Weinkötz. Neben der
Ouvertüre zur Operette "Candide" von Leonard Bernstein, war unter
anderem auch der Jazz-Walzer "Valse Roulette" von Heinz Ehme zu
hören. Dass Akkordeonspiel heute nichts mehr mit der ein wenig
angestaubten Quetschkommodenromantik alter Hans Albers-Filme zu tun
hat, zeigte sich aber vor allem bei dem Tango "Adios Nonino" des
berühmten argentinischen Komponisten Astor Piazolla. Mit Hingabe und
Temperament wurde das außergewöhnliche Stück präsentiert. |