zurück REGIONAL - SCHWETZINGEN 24.11.2003
 

Das Akkordeon weckt musikalische Talente

Über 500 Akkordeonliebhaber trafen sich zum Jahreskonzert in der Hockenheimer Stadthalle - Von der Polka bis zur Operette

Eigentlich sollte man meinen, das gute alte Schifferklavier sei ein Instrument von gestern. Weit gefehlt. Es erlebt gerade eine Renaissance, wie sich auch kürzlich beim Jahreskonzert in der Hockenheimer Stadthalle zeigte. Nicht nur das Orchester war begeistert, der Funke sprang auf die Zuhörer über.

Von Johannes Schnurr

Hockenheim. Nicht weniger als 500 Musikliebhaber besuchten das jüngste Jahreskonzert des Hohner-Akkordeon-Orchester in der Stadthalle.

95 aktive und etwas über 200 Mitglieder zählt der seit nunmehr 48 Jahren bestehende Verein. War das Akkordeon nach dem Zweiten Weltkrieg hierzulande fast schon in Vergessenheit geraten, so zeigt sich derzeit eine klare Trendumkehr. Woran diese Renaissance liegt, weiß keiner so genau zu sagen, sicher jedoch hat es etwas mit der immer stärkeren Wahrnehmung der temperamentvollen südamerikanischen Musik in Europa zu tun.

Und was den Südamerikanern recht ist, das soll den Rennstädtlern billig sein: "Wir tun, was wir können, um das Akkordeon wieder bekannter zu machen", so Jürgen Auer, 1. Vorsitzender des Hohner-Akkordeon-Orchesters. "Wir widmen deshalb vor allem der Nachwuchsförderung viel Aufmerksamkeit. Der Unterricht für die Jüngsten erfolgt in kleinen Gruppen, sogar ein Instrument bekommen sie zum Selbstkostenpreis gestellt. Nicht die Leistung, sondern vor allem einmal die Freude am Musizieren steht bei uns im Mittelpunkt." Diese Nachwuchsarbeit zahlt sich mittlerweile aus, wie beim Jahreskonzert deutlich wurde.

In blütenweißen Hemden und nachtschwarzen Hosen betraten zunächst die Musiker des 2. Orchesters unter der Leitung von Roland Söhner die Bühne. Mit dem am Volkstrauertag besonders beliebten "Concerto D'Amore" des zeitgenössischen Komponisten Jakob de Haan eröffneten sie das Konzert. Es folgte das Morricone Special Medley des bekannten Komponisten Ennio Morricone. Hier zeigte sich die ganze Vielfalt des Akkordeons: Von den leise klagenden Tönen des Soundtracks "Spiel mir das Lied vom Tod" hin zu den weichen Harmonien seiner anderen Kompositionen und weiter zu furios-dissonanten Läufen, war alles zu hören.

Unter stürmischem Applaus - einige Großmütter zeigten sich hier geradezu unglaublich klatschstark - betrat die Kiddy-Ausbildungsgruppe die Bühne. Auch wenn die Füße der Kleinsten kaum bis auf den Boden reichten, so fanden ihre Finger doch gut die schwarzweißen Tasten. Mit nur ein ganz klein wenig Verstärkung durch ältere Spieler im Hintergrund, spielten sie das "Hoggema Allerlei", welches eine gewissen Ähnlichkeit mit "Alle meine Entchen" gleichwohl nicht gänzlich verleugnen konnte. Als die Standing Ovations über sie und ihre musikalische Betreuerin Silke Schwab schließlich wie ein Sturm hereinbrachen, strahlten die kleinen Gesichter wie Sonnen von einem Ohr zum anderen. Die Liebe zur Bühne und zum öffentlichen Auftritt dürfte hier bei so manchem Knirps gelegt worden sein.

Ihnen folgte das Kiddy-Orchester, das seit dem letzten Jahr zahlenmäßigen Zuwachs verbuchen konnte. Die Neun- bis Zehnjährigen spielten zwei Lieder, vor allem die Titelmelodie des Kinofilms "Mission Impossible" kam sehr gut an. So professionell wie die erwachsenen Orchester präsentierte sich dann das Jugendorchester. Auch dieses spielte zwei Soundtracks und mit dem Stimmungshit "Always look on the bright side of life" ging es gutgelaunt in die Pause.

Mit den Handharmonika-Oldtimern betraten die älteren Semester die Bühne, im Durchschnitt sind die jung gebliebenen Damen und Herren sage und schreibe 70 Jahre alt. Doch sie stellten unmittelbar unter Beweis, dass Alter nicht vor flotter Musik schützt. Insbesondere die Amboss-Polka spielten sie mit viel Feuer und Hingabe, was ihnen reichlich Anerkennung einbrachte.

Facettenreich zeigte sich schließlich das Programm des 1. Orchesters unter der Leitung von Volker Weinkötz. Neben der Ouvertüre zur Operette "Candide" von Leonard Bernstein, war unter anderem auch der Jazz-Walzer "Valse Roulette" von Heinz Ehme zu hören. Dass Akkordeonspiel heute nichts mehr mit der ein wenig angestaubten Quetschkommodenromantik alter Hans Albers-Filme zu tun hat, zeigte sich aber vor allem bei dem Tango "Adios Nonino" des berühmten argentinischen Komponisten Astor Piazolla. Mit Hingabe und Temperament wurde das außergewöhnliche Stück präsentiert.

 
 
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